VORWORT

Auch 50 Jahre nach der Verabschiedung des Übereinkommens 87 durch die Internationale Arbeitsorganisation (IAO), mit dem die Vereinigungsfreiheit im Völkerrecht verankert wurde, werden nach wie vor auf allen Kontinenten Verstösse dagegen festgestellt.

Schlimmer noch, der Trend, der sich in dieser 1998er Übersicht über die Verletzungen von Gewerkschaftsrechten weltweit abzeichnet, deutet auf eine Zunahme der Repressionen hin, was auch mit den Massnahmen der Gewerkschaften zur Verurteilung der negativen Auswirkungen der Globalisierung der Wirtschaft zusammenhängt.

In Afrika haben die Ausweitung der Freihandelszonen sowie die sozialen Auswirkungen der Strukturanpassungspläne die Gewerkschaften zahlreicher Länder des Kontinents auf die Barrikaden gebracht. Sie haben gegen die immer grössere Ausbeutung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und in vielen Ländern gegen die zunehmenden Lohn- und Gehaltsrückstände protestiert. Trotz der wachsenden Unzufriedenheit haben die meisten Regierungen einen Dialog mit den Vertreterinnen und Vertretern der Beschäftigten jedoch verweigert, und einige, wie etwa die nigerianische Militärdiktatur, haben ihre Repressionen sogar noch verschärft.

Zu Repressionen kam es auch in Lateinamerika. Dort haben die neoliberalen Rezepte die Ungleichheiten noch verschärft und bezüglich der Bewältigung der Arbeitslosigkeit und des Problems der Unterbeschäftigung keinerlei Lösungen aufgezeigt. Am schlimmsten sieht es nach wie vor in Kolumbien aus. 156 Gewerkschafter/innen sind dort 1997 ermordet worden. Sie waren grösstenteils Opfer paramilitärischer Gruppen, die zum Teil im Einvernehmen mit offiziellen Stellen der kolumbianischen Regierung handelten. Zu vielen dieser Verbrechen kam es, während die Gewerkschaften Verhandlungen führten. Und praktisch alle sind ungestraft geblieben.

Der tiefe Sturz der asiatischen Tiger, die gestern noch als Lokomotive des weltweiten Wachstums dargestellt wurden, ist für die Verfechter einer ungebremsten Globalisierung die grösste Schlappe des Jahres 1997 gewesen. Weil sie vor einer solchen Krise gewarnt und die Schwäche von Volkswirtschaften kritisiert hatten, die auf Spekulation, Vetternwirtschaft und Korruption basieren, haben sich zahlreiche Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter hinter Gittern wiedergefunden. In Ländern wie Indonesien, wo die unabhängige Gewerkschaftsbewegung nach wie vor unterdrückt wird, hat die Krise mit den damit verbundenen Massenentlassungen und der allgemeinen Verarmung der Bevölkerung den Keim zu einer beispiellosen sozialen Explosion gelegt.

Unfähig, die Arbeitslosenkrise zu bewältigen, von der mehr als 18 Millionen Menschen in Europa betroffen sind, haben sich einige Regierungen jedoch als recht geschickt erwiesen, wenn es darum ging, die Systeme der sozialen Sicherheit abzubauen oder die Gewerkschaftsrechte zu beschneiden. In den Übergangsländern Mittel- und Osteuropas, ebenso wie in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, drehte sich eine der Hauptforderungen der Gewerkschaften um die Zahlung der ausstehenden Löhne und Gehälter.

Zu einem Zeitpunkt, zu dem sich immer noch zahlreiche Stimmen gegen eine Verknüpfung des Welthandels und der Gewerkschaftsrechte erheben, bestätigt unser Bericht die Auswirkungen der Globalisierung der Wirtschaft auf das Leben und die Rechte der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie auf die Tätigkeiten derjenigen Organisationen, deren Aufgabe es ist, ihnen Gehör zu verschaffen. In dem Masse, in dem die Grenzen zwischen den Ländern verschwimmen, verlieren die auf nationaler Ebene festgelegten, häufig erkämpften, Regeln an Effizienz und sogar Relevanz. Vor diesem Hintergrund kommt das Konzept der von der IAO als universelles Recht verankerten Gewerkschaftsfreiheit voll zum Tragen. Ebenso wie die Notwendigkeit, Sozialklauseln in internationale Handelsvereinbarungen zu integrieren, um die Globalisierung in den Dienst der sozialen Gerechtigkeit und in den Dienst derjenigen zu stellen, die die Reichtümer erwirtschaften.

Dafür setzen sich Tag für Tag Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter in aller Welt ein. Sie lassen sich damit auf einen schwierigen Kampf ein und riskieren häufig ihr Leben oder ihre Freiheit. Ihr Mut sollte all diejenigen inspirieren, die für eine gerechtere Welt kämpfen.

Bill Jordan

Generalsekretär


Berichtszeitraum: 1997

Die Übersicht wurde von Kathryn Hodder erstellt.

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